„Du hast aber einen braven Hund!“ Wer hört das nicht gerne? Das ist ein bisschen wie bei Eltern, denen gesagt wird, sie hätten ein braves Kind. Es löst ein angenehmes Gefühl aus. Man fühlt sich bestätigt und denkt: Offenbar habe ich einiges richtig gemacht.
Doch was bedeutet dieses kleine Wort „brav“? Es beschreibt vor allem, wie gut ein Verhalten unseren Erwartungen entspricht. Als brav gilt , wer Regeln einhält, sich anpasst und wenig Schwierigkeiten macht. Über Gefühle und Bedürfnisse erfahren wir dadurch zunächst wenig.
Ein sogenanntes braves Kind widerspricht selten, beschäftigt sich still und durchlebt die Pubertät möglichst ohne größere Turbulenzen. Dass auch Frust, Widerspruch und das Vertreten eigener Bedürfnisse zur Entwicklung gehören, gerät dabei leicht in den Hintergrund. Bei Hunden scheint unsere Wunschliste manchmal noch anspruchsvoller.
In Gesprächen mit Hundehaltern*innen begegnet mir ein recht einheitliches Bild: Ein braver Hund bellt möglichst nicht, außer Einbrecher kommen ins Haus. Er begleitet uns überallhin und benimmt sich tadellos. Im Restaurant bleibt er liegen, an der Leine läuft er neben uns. Er bleibt freundlich, wenn fremde Hunde auf ihn zustürmen oder Menschen ihn ungefragt streicheln. Kurz: Er soll sich möglichst überall zurechtfinden, ohne selbst größere Ansprüche anzumelden.
Dabei bringen Hunde vieles mit, das nicht immer bequem in unseren Alltag passt. Sie erkunden ihre Umwelt mit der Nase, sie reagieren auf Bewegungen, suchen Kontakt oder halten lieber Abstand. Sie haben unterschiedliche Interessen, brauchen Erholung und empfinden Freude, Angst oder Frustration. Das sind Eigenschaften eines fühlenden Lebewesens.
Bellen gehört beispielsweise zu ihren Ausdrucksmöglichkeiten. Ein Hund kann damit Aufregung zeigen, auf etwas aufmerksam machen oder Abstand einfordern. Natürlich müssen wir anhaltendes Bellen nicht einfach hinnehmen. Doch bevor wir es abstellen wollen, sollten wir uns fragen: Was beschäftigt diesen Hund gerade? Was braucht er, um anders reagieren zu können?
Auch beim Spaziergang lohnt sich dieser Perspektivwechsel. Für uns führt der Weg zum nächsten Ziel und das noch geradeaus. Für den Hund steckt dieser Weg voller Informationen und spannenden Dingen. Wer an jeder für den Hund interessanten Stelle weitergezogen wird, darf zwar mit dem Menschen mitgehen, aber kaum eigenen Interessen nachgehen. Eine Schnüffelpause ist deshalb keine lästige Unterbrechung. Sie ist Teil des Spaziergangs. Wir lesen schließlich auch ungern eine Zeitung, die jemand alle drei Sekunden für uns weiterblättert.
Ebenso verdient das Bedürfnis des Hundes nach Abstand Beachtung. Nicht jeder Hund möchte begrüßt, angefasst oder umarmt werden. Weicht er zurück oder dreht den Kopf weg, sollten wir das wahrnehmen. Ein Hund muss Nähe nicht jederzeit angenehm finden, nur weil sie freundlich gemeint ist.
Wie wichtig eigene Handlungsmöglichkeiten sind, zeigten bereits die Versuche der Psychologen Seligman und Maier: Hunde, die unangenehmen Reizen zuvor hilflos ausgeliefert waren, versuchten später teilweise nicht mehr zu entkommen, obwohl es möglich gewesen wäre. Das nennt man die erlernte Hilflosigkeit. Ein Beispiel: Ein Elefant ist mit einer Kette an einem Holzblock angekettet. Es wäre ein leichtes für dieses Tier die Kette zu sprengen, oder? Warum macht er dann nicht? Weil er aufgegeben hat. Weil er gelernt, hat, dass er keinen Einfluss auf sein Leben hat.
Für unseren Alltag lässt sich daraus ein wichtiger Gedanke ableiten: Hunde sollten erleben dürfen, dass ihr Verhalten etwas bewirkt. Wenn ein Hund Abstand sucht und wir ihn dabei unterstützen, erfährt er: Mein Mensch versteht mich. Ich muss diese Situation nicht einfach aushalten.
Muss also alles trainiert werden? Manchmal braucht es vor allem eine passende Entscheidung des Menschen: einen ruhigeren Weg, eine Pause oder den Verzicht auf einen Restaurantbesuch. Training kann helfen, Situationen besser zu bewältigen. Es sollte jedoch auch darum gehen, was für diesen individuellen Hund zumutbar und sinnvoll ist.
Schließen sich Bravsein und Glücklichsein aus? Keineswegs. Ein Hund kann Regeln lernen, zuverlässig mitarbeiten und sich dabei wohlfühlen. Belohnungsorientiertes Training bietet dafür gute Voraussetzungen; wissenschaftliche Untersuchungen zeigen Belastungen durch aversive Methoden. Damit sind Vorgehensweisen gemeint, die mit für den Hund unangenehmen oder beängstigenden Reizen arbeiten, etwa Leinenruck, Anschreien oder körperlicher Einschüchterung.
Aus verhaltensberaterischer Sicht wünsche ich mir deshalb einen genaueren Blick: Hat der Hund Raum für seine Interessen? Werden seine Grenzen respektiert? Kann er sich sicher fühlen und erholen? Ein „braver“ Hund ist nicht automatisch ein glücklicher Hund. Vielleicht sollten wir neben seinem guten Benehmen häufiger auch seine Lebensfreude loben.