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Hinter der Methode: Warum wir aufhören müssen, den Hund nur zu trainieren

Hunde gehören heute ganz selbstverständlich zu unserem Alltag. Wir begegnen ihnen in der Stadt, im Dorf, im Urlaub, im Café und am Arbeitsplatz. Allein in Südtirol sind rund 40.500 Hunde registriert. Zehn Jahre zuvor waren es noch ungefähr 32.000. Im Jahr 2024 kamen weitere 2.300 registrierte Hunde hinzu.

Warum leben immer mehr Menschen mit einem Hund?

Die Gründe, einen Hund ins eigene Leben zu holen, sind sehr unterschiedlich. Da ist die Freude an Bewegung und Natur, der Wunsch nach Gemeinschaft und Nähe oder ganz einfach die Liebe zu Tieren. Doch die zunehmende Zahl der Hunde hat vermutlich auch mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun.

Familien werden kleiner, immer mehr Menschen leben allein und die Geburtenzahlen sinken. In Italien lag die Geburtenrate 2025 bei nur noch 1,14 Kindern pro Frau. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung, und viele ältere Menschen verbringen einen großen Teil ihres Alltags allein und nicht nur ältere Menschen vereinsamen. Auch immer mehr jüngere Menschen leben sehr isoliert und einsam.

Ein Hund kann Freude, Liebe, Nähe  und Verbindlichkeit in das Leben eines Menschen bringen. Er begleitet durch den Tag, schafft soziale Kontakte und vermittelt das Gefühl, gebraucht zu werden. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass Tiere insbesondere bei alleinlebenden Menschen sozialer Isolation entgegenwirken können.

Der Hund ist heute längst nicht mehr nur Wach-, Jagd- oder Arbeitstier. Für viele Menschen ist er Familienmitglied, Sozialpartner, Freund und manchmal auch emotionaler Halt.

Mit der Zahl der Hunde wächst auch das Angebot

Wo die Nachfrage steigt, wächst auch das Angebot. Es gibt Hundeschulen, Welpengruppen, Beschäftigungskurse und Trainer*innen für nahezu jedes Problem. Der Besuch einer Hundeschule scheint mittlerweile fast schon obligatorisch zu sein. Wer mit seinem Hund keine Hundeschule besucht, muss sich beinahe rechtfertigen.

Grundsätzlich ist es eine sehr positive Entwicklung, dass Menschen sich Unterstützung holen. Gut ausgebildete Fachpersonen können Wissen vermitteln, die Wahrnehmung für die Körpersprache des Hundes schärfen und dabei helfen, Missverständnisse zwischen Mensch und Hund zu vermeiden.

Hundetrainer*innen beschäftigen sich in ihren Ausbildungen unter anderem mit Lerntheorien, Verstärkung, Motivation, Körpersprache und dem richtigen Timing. Dieses Wissen ist wichtig. Ein Verhalten im passenden Moment zu bestätigen oder unerwünschtes Verhalten nicht ungewollt zu verstärken, gehört zum fachlichen Handwerkszeug.

Doch jetzt kommt das große Aber.

Wenn der Hund hinter der Methode verschwindet

Bei aller Technik wird manchmal das Individuum vergessen. Übungen, Trainingspläne und Methoden werden auf viele Hunde übertragen, als müssten sie bei jedem gleich funktionieren. Der Hund soll sitzen, bleiben, an lockerer Leine gehen, ruhig warten und sich jederzeit kontrollieren lassen. Das sind so die gängigsten Wünsche der Hundehalter*innen. Selten hört man, dass man möchte, dass der Hund ein glückliches Leben führt.

Wenn das nicht gelingt, wird häufig zuerst an der Trainingsmethode gefeilt: Das Timing müsse genauer sein, die Belohnung hochwertiger, die Ablenkung geringer oder die Konsequenz größer.

Aber möglicherweise liegt das eigentliche Problem ganz woanders.

Vielleicht kann dieser Hund in diesem Moment gar nicht lernen. Vielleicht hat er Angst. Vielleicht ist er körperlich angespannt oder überfordert. Vielleicht fehlt ihm Sicherheit. Vielleicht hat er Schmerzen, ist erschöpft oder befindet sich bereits seit längerer Zeit in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft.

Zwei Hunde können äußerlich dasselbe Verhalten zeigen und dennoch etwas völlig Unterschiedliches erleben. Ein Hund bleibt stehen, weil er gelernt hat zu warten. Ein anderer bleibt stehen, weil er vor Angst erstarrt. Einer bellt, weil er Aufmerksamkeit erwartet. Ein anderer bellt, weil er Abstand braucht. Einer nimmt kein Futter, weil es für ihn gerade nicht attraktiv genug ist. Ein anderer kann es aufgrund seiner hohen Erregung schlicht nicht annehmen.

Wer nur das sichtbare Verhalten betrachtet, läuft Gefahr, sehr unterschiedliche innere Zustände gleich zu behandeln.

Lernen findet nicht in einer Blackbox statt

Viele klassische Trainingsansätze sind stark von behavioristischen Lerntheorien geprägt. Sehr vereinfachts ausgedrückt betrachten sie einen Reiz – den Input –, das beobachtbare Verhalten – den Output – und die Konsequenz, die darauf folgt. Die Vorgänge im Inneren des Lebewesens wurden dabei als „Blackbox“ behandelt, weil sie nicht direkt beobachtbar waren.

Diese Lerngesetze sind nicht falsch. Klassische und operante Konditionierung spielen beim Lernen eine wichtige, zentrale  Rolle. Problematisch wird es erst, wenn man glaubt, damit den ganzen Hund erklären zu können.

Heute wissen wir wesentlich mehr über das Gehirn, das autonome Nervensystem, Stresshormone, Botenstoffe, Gedächtnis, Bindung und Emotionen. Hunde nehmen emotionale Informationen wahr, reagieren auf die Stimmung und das Verhalten ihrer Bezugspersonen.

Lernen geschieht deshalb niemals losgelöst von Gefühlen. Angst verändert die Wahrnehmung. Stress beeinflusst Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Gedächtnis. Sicherheit fördert Erkundungsverhalten und Lernbereitschaft. Auch frühere Erfahrungen, genetische Voraussetzungen, Schmerzen, Gesundheit, Alter und die Beziehung zum Menschen wirken darauf ein, wie ein Hund eine Situation erlebt und bewältigt.

Der Bereich zwischen Input und Output ist also keineswegs leer. Dort befindet sich ein fühlendes, wahrnehmendes und höchst individuelles Lebewesen.

Training braucht mehr als Technik

Gutes Hundetraining besteht deshalb nicht nur aus Übungen, Belohnungen und präzisem Timing. Es braucht Wissen über Emotionen, Stress, Gesundheit, Bindung, Persönlichkeit und die individuellen Bewältigungsstrategien eines Hundes.

Manchmal braucht ein Hund Training. Manchmal braucht er mehr Abstand, mehr Schlaf, weniger Anforderungen oder eine tierärztliche Abklärung. Manchmal braucht er zunächst Sicherheit und eine verlässliche Beziehung, bevor er überhaupt etwas Neues lernen kann.

Die Aufgabe guten Hundetrainings besteht nicht darin, dieses Individuum passend zu machen. Sie besteht darin, es zu verstehen, ihm Orientierung zu geben und gemeinsam mit ihm Wege zu finden, die für Hund und Mensch tragfähig sind.