Teil 2: Bindung im Gehirn – wie Vertrauen entsteht
Bindung ist kein rein emotionales, sondern ein neurobiologisches Geschehen. Was wir als Nähe, Vertrauen oder Geborgenheit erleben, hat eine messbare Grundlage im Gehirn – bei uns Menschen ebenso wie bei unseren Hunden.
Das Bindungssystem im Gehirn
Das Bindungssystem wird in erster Linie im Hypothalamus gesteuert. Der Hypothalamus steht in enger Verbindung mit der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse). Hier wird das sogenannte „Bindungshormon“ Oxytocin gebildet und freigesetzt – ein Stoff, der entscheidend dafür ist, wie wir Nähe erleben und Vertrauen entwickeln. Parallel dazu sind auch Bereiche des Frontalhirns, insbesondere der orbitofrontale Kortex, beteiligt. Bei Hunden wie bei Menschen ist dieses System nahezu identisch aufgebaut – ein Beleg dafür, wie eng unsere emotionale und biologische Verwandtschaft ist.
Oxytocin und Cortisol – zwei Gegenspieler im emotionalen Gleichgewicht
Oxytocin und Cortisol – zwei Gegenspieler:
Oxytocin fördert Ruhe, Vertrauen und soziale Nähe. Es wird ausgeschüttet bei positiver körperlicher und emotionaler Interaktion – durch Berührung, Blickontakt oder gemeinsame Aktivität. Es senkt den Blutdruck, wirkt angstlösend und dämpft die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol.
Cortisol hingegen wird in Stresssituationen vermehrt ausgeschüttet. Es bereitet den Körper auf Kampf, Flucht oder Erstarren vor. Wird es aber dauerhaft aktiviert, wirkt es belastend auf Gehirn, Immunsystem und Verhalten.
Eine sichere Bindung führt dazu, dass Oxytocin dominiert und Cortisol gedämpft wird.
Selbstregulation, Empathie & „Theory of Mind“ beim Hund
Im orbitofrontale Kortex werden Fähigkeiten gebildet, die für das Zusammenleben wichtig sind:
- Selbstregulation: die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, Frustration auszuhalten und Impulse zu kontrollieren.
- Empathie: das Erkennen und Einfühlen in die Emotionen anderer – Grundlage sozialer Kooperation.
- Theory of Mind: das Verständnis, dass ein anderes Individuum anders denkt, fühlt und handelt als man selbst.
Auch Hunde verfügen über diese kognitiven und emotionalen Fähigkeiten. Sie ermöglichen ihnen:
- auf Menschen einzugehen
- Stimmungen wahrzunehmen
- sozial angepasst zu reagieren
Fehlt jedoch eine sichere Bindung in der frühen Phase, entwickeln sich diese Hirnstrukturen nur eingeschränkt. Das Tier bleibt in seiner Stressregulation instabil, ist leichter reizbar und hat Schwierigkeiten, soziale Signale richtig zu deuten.
Frühe Erfahrungen formen das Gehirn.
Positive, sichere Erfahrungen fördern:
- starke Nervenverbindungen
- stabile emotionale Systeme
- gesundes soziales Verhalten
Stress, Angst und Vernachlässigung hingegen führen zu:
- dauerhaft aktivem Stresssystem
- gehemmter Frontalhirnentwicklung
- erhöhter Reizbarkeit
- Unsicherheit im Verhalten
Das bedeutet:
Bindung entscheidet, ob ein Hund die Welt als sicher oder bedrohlich abspeichert. Eine sichere Bindung wirkt wie ein inneres Gleichgewichtssystem:
Sie schützt, beruhigt, stabilisiert und ermöglicht Entwicklung!!!!
Wie können wir im Alltag die Bindung stärken?
Darum geht es in Teil 3: „Oxytocin – das Hormon, das verbindet.“